Aachener Sagen

Das, was Aachen verbindet...

Der Dombau zu Aachen

Oder wie die Aachener den Teufel überlisteten

Karl der Große wollte in seinem Hauptsitz Aachen die größte und schönste Kirche bauen, die man nördlich der Alpen je gesehen hatte. Er bestellte die geschicktesten Handwerker und die besten Materialien nach Aachen, und die Arbeiten kamen zunächst gut voran. Dann aber zog Kaiser Karl in den Krieg gegen die Sachsen und beauftragte den Stadtrat, die weiteren Bauarbeiten zu überwachen.

Es kam, wie es kommen musste: Der Stadt ging das Geld aus, denn Dombau und Krieg waren teuer. Die Stadtväter waren ratlos – woher sollten sie das Geld nehmen, um den Dom fertig zu bauen? Müssten sie es sich gar vom Teufel persönlich leihen? Und tatsächlich: Auf der nächsten Ratssitzung erschien ein feiner, unbekannter Herr und bot den Aachenern das nötige Geld. Nur eine kleine Gegenleistung forderte er dafür: Die erste Seele, die den fertigen Dom betreten würde, sollte ihm gehören.

Bei diesen Worten wurden die Herren ganz blass, denn sie hatten offensichtlich ein Angebot des Teufels bekommen! Doch was blieb ihnen anderes übrig, als es anzunehmen? Mit dem Teufelsgold schafften sie das Wunder: Als Karl der Große nach Aachen zurück kam, war seine prächtige Kirche fertig. Der Kaiser war stolz auf den Stadtrat, doch der hatte längst andere Sorgen: Denn die Seele, die der Teufel für sein Geld bekommen sollte, war die von Papst Leo III. Er würde als ranghöchster Geistlicher als erster die Kirche betreten, um sie zu weihen.

Das war unvorstellbar! In letzter Minute hatte ein schlauer Mönch die rettende Idee: Wo stand denn geschrieben, dass es sich um eine menschliche Seele handeln müsste? Kurzentschlossen jagten die Aachener vor der Weihe einen Wolf in den Dom. Der Teufel lauerte bereits hinter der Tür in der dunklen Kirche, stürzte sich gleich gierig auf den ersten Besucher und riss ihm blindlings die Seele aus dem Leib.

Als er seinen Irrtum bemerkte, wurde er sehr zornig. Wutentbrannt stürzte er aus dem Münster und schlug das schwere Portal so fest hinter sich zu, dass es einen Riss bekam und dem Teufel einen Daumen abquetschte. Der Finger fiel in den Türknauf, wo man ihn – inzwischen eisenhart geworden – noch heute fühlen kann. Im Vorraum des Doms erinnern zwei Bronzefiguren an den Wolf und seine Seele.

Klappergassen-Sage

Oder wie die Klappergasse zu ihrem Namen kam

Als Karl der Große im Jahr 805 siegreich aus dem Krieg gegen die Sachsen heimkehrte, erfüllte es ihn mit großer Freude zu sehen, dass das Aachener Münster vollendet war. Als Ausdruck seiner tiefen Gläubigkeit sollte die festliche Weihe des Doms am Dreikönigstag zu Ehren Gottes besonders prunkvoll begangen werden: Neben Papst Leo III. wurden nicht nur zahlreiche Grafen und Prälaten zum Fest erwartet, sondern auch 365 Bischöfe, je einer für jeden Tag im Jahr.

Am Vorabend der Domweihe versammelten sich jedoch nur 363 Bischöfe in Aachen – sehr zur Enttäuschung Kaiser Karls. Gott aber war von der Ehrerbietung des Kaisers so gerührt, dass er ihm seinen Wunsch erfüllen wollte: So sandte er einen Engel in die Maastrichter St.-Servaas-Kirche, um die beiden dort bestatteten Bischöfe Mundolph und Gundolph auf ihren letzten Weg ins Aachener Münster zu entsenden. Der Engel rief mit lauter Stimme: „Mundolph und Gundolph, erhebt euch und zieht gen Aachen. Dort sollt ihr an der Einweihung der Kirche Kaiser Karls teilnehmen“. Die beiden Gerippe verließen sofort ihre Gräber, um den Befehl des Engels auszuführen.

Als sich die beiden Würdenträger dem Aachener Dom näherten, war das Klappern ihrer Gebeine schon von weitem deutlich zu vernehmen. Hastig betraten die Bischöfe das Münster und setzten sich auf die letzten beiden freien Plätze. Dank dieses Wunders waren nun tatsächlich 365 Gottesdiener zur Weihe des Doms anwesend. Mundolph und Gundolph verließen die Stadt nach der Zeremonie auf dem gleichen Weg, den sie gekommen waren, um sich nun endlich in Maastricht zur ewigen Ruhe zu legen.

Das, was Aachen von den beiden außergewöhnlichen Besuchern geblieben ist, ist der Name der kleinen Gasse, die aus westlicher Richtung zum Dom führt: Klappergasse. Am Kloster „Vom armen Kind Jesu“ in der Klappergasse findet man heute ein Relief der beiden Totengerippe. Dieser Hau-Stein wurde den Aachener Bürgern im Jahre 1956 von der Stadt Maastricht geschenkt.

Lousberg-Sage

Oder wie der Teufel erneut überlistet wurde

In seinem Zorn auf die Aachener – schließlich war er um den Lohn für seine Hilfe beim Dombau betrogen worden – schwor der Teufel Rache. Er holte zwei riesige Säcke Sand von der Nordseeküste, denn er hatte beschlossen, den Aachener Dom und am besten gleich die ganze Stadt samt ihrer Bewohner einfach zuzuschütten. Doch der Weg zurück nach Aachen war weit und ein lästiger Wind blies ihm ständig seinen eigenen Sand ins Gesicht. Die Last auf dem Rücken war so schwer, dass der Teufel schließlich, am Ende seiner Kräfte und fast blind durch den Sand in seinen Augen, eine Pause einlegte. Er bemerkte nicht, dass er es fast geschafft hatte, denn das Ponttor war nicht mehr weit.

Wie der Teufel so dastand und zweifelte, ob er es mit seinem Gepäck überhaupt bis Aachen schaffen würde, kam eine alte Bauersfrau vorbei. Er fragte sie, wie weit es noch bis Aachen sei. „Sehen Sie sich meine Schuhe an!“ sagte die schlaue Bäuerin und zeigte auf ihre alten, löchrigen Schuhe. Sie hatte den Pferdefuß ihres Gegenübers gesehen und ahnte, dass dieser mit den Säcken nichts Gutes im Schilde führte. „Die habe ich heute morgen in Aachen auf dem Markt gekauft, und jetzt sind sie völlig durchgelaufen, so weit ist es!“ Da heulte der Teufel vor Wut auf, denn so weit würde er mit seiner Last sicher nicht mehr kommen. Mit einem furchtbaren Fluch warf er die beiden Säcke fort und stürmte davon. Er ahnte nicht, dass die gewitzten Aachener ihn erneut überlistet hatten.

Seit dieser Zeit gibt es in Aachen das Sprichwort „De Oecher send der Düvel ze lous“ – die Aachener sind dem Teufel zu schlau. Aus den Säcken sind inzwischen der Lousberg und der Salvatorberg im Nordosten Aachens geworden. Tatsächlich bestehen diese Hügel aus reinem Meeressand, in ihrem Gestein findet man sogar Überreste von Muscheln. Der schlauen Aachener Bauersfrau hat die Künstlerin Krista Löneke-Kemmerling 1985 das Denkmal „Teufel und Marktfrau“ gesetzt, das am Fuße des Lousbergs an die Sage erinnert.

Printen-Sage

Oder: Wie der Teufel wiederum das Nachsehen hatte

Der große Stadtbrand von Aachen hätte die Stadt und seine Bürger im Jahr 1656 um ein Haar in den Ruin getrieben. Doch ein pfiffiger Bäckerlehrling wusste dies zu verhindern: Er ließ sich mit dem Teufel ein.

Als die Stadt ausgebrannt war, die Menschen Hunger litten und der Winter vor der Tür stand, erinnerte man sich in der Not an das alte Lieblingsgebäck Kaiser Karls, die Aachener Printen. Mit dem Verkauf dieses süßen, einzigartig schmeckenden Gebäcks würde man nicht nur die Aachener sättigen, sondern auch die Kassen der Stadt füllen können. Doch wie sollte man an das Rezept gelangen, das der Kaiser mit ins Grab genommen hatte? Kein Mensch wusste genau, wo die Grabstätte des Kaisers lag. Also bedurfte es teuflischer Hilfe.

Als der Beelzebub dem Bäckerburschen anbot, ihn in der Nacht in die Grabkammer des Kaisers zu führen, verlangte er als Gegenleistung den Schlüssel zur Schatzkammer. Gesagt, getan. Schon in der nächsten Nacht stand der Junge dank der Hilfe vom Teufel in des Kaisers Gruft. Verärgert öffnete dieser die Augen und fragte nach dem Grund der Störung. Die verzweifelten Schilderungen des Bäckerlehrlings von der Notlage der Stadt berührten das Herz des Kaisers: „Diese Stadt und ihre Bewohner habe ich immer geliebt, deshalb will ich ihnen gerne helfen“. Mit diesen Worten übergab er dem Bäckerlehrling das Rezept.

Glücklich eilte der Junge zu seinem Meister, der sich nach anfänglichem Schrecken über die Tat seines Zöglings sogleich daran machte, die kaiserlichen Printen zu backen. Dank ihres herrlichen Geruchs und Geschmacks waren sie bald weit über die Stadtgrenzen hinaus begehrt und die Not der Aachener hatte ein Ende. Als der Teufel dafür von dem Lehrling seinen Lohn forderte, bot dieser ihm listig von den frisch gebackenen heißen Printen an. Gierig schlang der Teufel diese mitsamt dem Backblech hinunter. Von höllischen Schmerzen geplagt musste der Teufel einmal mehr einsehen, dass er der Klugheit der Aachener nicht gewachsen war – und fuhr unter lautem Fluchen in die Hölle hinab.